26.10.2010 - STHI-Workshop auf der Euregia Leipzig
26.08.2010 19:26
Die „Sächsisch-Tschechische Hochschulinitiative“ (STHI) und die Professur für Sozial- und Wirtschaftsgeographie
boten eine kostenfreie Busfahrt zur Euregia 2010 im Messegelände Leipzig am Dienstag, 26. Oktober 2010, an.
Bei der Euregia handelt es sich um eine Fachmesse mit Kongress zur Standort- und Regionalentwicklung in Europa, die im zweijährigen Turnus in Leipzig stattfindet (www.euregia-leipzig.de). In diesem Jahr gestaltete die „Sächsisch-Tschechische Hochschulinitiative“ von 10.00 bis 12.00 Uhr in Zusammenarbeit mit tschechischen Partnern einen Workshop zum Thema Grenzen im grenzenlosen Europa – Stellung des sächsisch-tschechischen Grenzraums im Vergleich zu anderen EU-Grenzräumen.
Am STHI-Workshop nahm Martin Munke teil, Chemnitzer Student und studentische Hilfskraft der STHI. Seinen ausführlichen Bericht können Sie im Folgenden lesen:
Grenzen im grenzenlosen Europa
Workshop der Sächsisch-Tschechischen Hochschulinitiative untersucht die Stellung des sächsisch-böhmischen Grenzraums drei Jahre nach dem Inkrafttreten des Schengen-Besitzstandes
Der Wegfall der Grenzkontrollen, der gemeinsame Binnenmarkt und die Freizügigkeit bei der Wahl des Wohn- und Arbeitsortes innerhalb der EU scheinen einen Traum der Gründerväter der EU Wirklichkeit werden zu lassen: Ein grenzenloses Europa. Gibt es ohne die genannten Kriterien originärer nationalstaatlicher Souveränität früherer Jahrzehnte die alten Grenzräume noch? Und wenn ja, woran machen sich die Grenzräume bedingenden Grenzen heute fest? Worin liegen die Unterschiede in den Kriterien, die Grenzräume bestimmen, in unterschiedlichen Regionen der erweiterten EU? Diese und weitere Fragen sollte ein Workshop beantworten, den die Sächsisch-Tschechische Hochschulinitiative (STHI) am 26. Oktober 2010 auf der Messe „euregia“ in Leipzig veranstaltete. Bei der „euregia“ handelt es sich um eine Fachmesse mit Kongress zur Standort- und Regionalentwicklung in Europa, die im zweijährigen Turnus stattfindet. In diesem Jahr konnten über 2.100 Besucher an mehr als 40 Veranstaltungen teilnehmen und 73 Ausstellungsstände besuchen. Unter den Gästen der Messe war auch der österreichische EU-Kommissar für Regionalpolitik, Johannes Hahn.
In sieben Impulsreferaten wurden den knapp 100 Teilnehmern des STHI-Workshops sowohl theoretische Überlegungen als auch Berichte aus der Praxis präsentiert. Christoph Waack, Vertretungsprofessor für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte an der TU Chemnitz, stellte einleitend zur Diskussion, ob innereuropäische Grenzräume tatsächlich als „Laboratorien der Integration“ betrachtet werden könnten, wie dies beispielsweise von der Berliner Sozial- und Wirtschaftshistorikerin Helga Schultz formuliert wurde. Dabei müsse man sich stets den Konstruktcharakter der Kategorie „Grenzregion“ vor Augen halten. Zudem bleibe fraglich, warum ausgerechnet peripher gelegene Regionen einen Vorbildcharakter einnehmen sollten. Die Übertragung dort gewonnener Erkenntnisse auf andere Regionen sei nicht ohne weiteres möglich, Grenzregionen dürften nicht als „Experimentierstuben“ missbraucht werden.
Ilona Scherm von der STHI stellte die Arbeit der Initiative anschließend in den Kontext ähnlicher grenzüberschreitender Hochschulaktivitäten. Die räumliche Nähe zweiter Universitäten allein sei nur selten der entscheidende Faktor für den Beginn einer Zusammenarbeit. Gewachsene Strukturen und Kontakte würden eine wichtigere Rolle einnehmen. So beständen Kooperationen von sächsischen und tschechischen Hochschulen bereits seit DDR-Zeiten, lediglich die Schwerpunkte hätten sich verlagert. Geographische Nähe und historischen Verbindungen würden allerdings nicht vor interkulturellen Problemen schützen – mit diesen hätten die Beteiligten an der Hochschulzusammenarbeit noch heute immer wieder zu kämpfen.
Einen weiteren Praxisbericht lieferte Beata M. Czarnecka, Projektkoordinatorin in der deutschen Geschäftsstelle der Euroregion Neisse – Nisa – Nysa e.V. in Zittau. Sie stellte verschiedene Projekte der Euroregion vor, die u.a. einen Kleinprojektefonds sowie zahlreiche „Euroregionale Expertengruppen“ umfassen. Eine Erfolgsgeschichte der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit sei beispielsweise die Einführung des „Euro-Neisse-Tickets“, eines gemeinsamen Nahverkehrstickets. Seit dessen Einführung im Mai 2004 wurde das damit befahrbare Liniennetz immer weiter vergrößert, die Nutzungszahlen stiegen sukzessive an. Wachsende Bedeutung hätte zudem die Kooperation auf dem Gebiet des Umweltschutzes und des Hochwasserschutzes.
Die drei folgenden Vorträge stellten Zwischenergebnisse einer großangelegten, von der tschechischen Akademie der Wissenschaften unterstützten Studie vor, die sich mit der Entwicklung der tschechischen Grenzregionen seit dem Beitritt zum Schengen-Besitzstand befasste. Dazu wurden auf beiden Seiten der tschechisch-sächsischen bzw. tschechisch-bayerischen und tschechisch-österreichischen Grenze Umfragen durchgeführt, die nach der Nützlichkeit und den Auswirkungen des Beitritts fragten. Die Ergebnisse zeigen sich dabei regional ähnlich. Milan Jeřábek von der Jan-Evangelista-Purkyně-Universität Ústí nad Labem stellte beispielsweise für die von ihm analysierte Euroregion Elbe / Labe fest, dass ein Großteil der Befragten die Chancen des Schengen-Beitritts durchaus zu schätzen wisse, selber bisher aber noch nie an einem grenzüberschreitenden Projekt teilgenommen habe. Das Hauptproblem würden dabei die Unterschiede in Sprache, Mentalität und Kultur darstellen. Zu einem ähnlichen Befund kam Jaroslav Dokoupil (Westböhmische Universität Plzeň) für die Euroregion Šumava – Bayerischer Wald – Mühlviertel. Auch hier bewerteten die Befragten den Beitritt und den Einfluss der Euroregion eher positiv als negativ. Doch immerhin 13 Prozent gaben an, seit 2004 das Nachbarland sogar seltener zu besuchen als vorher, während nur 9 Prozent öfter die Grenze überschritten. Eine grundsätzlich positive Bewertung konnte Tomáš Havlíček von der Karls-Universität Prag auch in der Euroregion Silva Nortica feststellen. Die Voraussetzungen für die grenzüberschreitende Zusammenarbeit seien jedoch äußerst unterschiedlich – auf tschechischer Seite würden in der Region vor allem sehr kleine Gemeinden mit nur wenigen Hundert Einwohnern legen, denen es an personellen und finanziellen Ressourcen für eine erfolgreiche Kooperation fehle. Ein Problem sei hier auch, dass die Euroregion bei nahezu 70 Prozent der Befragten vollkommen unbekannt sei.
Abschließend verglich Jiří Horáček vom tschechischen Ministerium für Regionalentwicklung den Stand der grenzüberschreitenden Kooperation im tschechisch-sächsischen und im tschechisch-bayerischen Grenzraum. Ähnlich wie Beata M. Czarnecka betonte er die Wichtigkeit der Förderung von Kleinprojekten, durch die bei relativ geringem Aufwand die Entstehung einer gemeinsamen Identität bei den Beteiligten gefördert werden könne. Für die tschechisch-sächsische Kooperation ständen in der aktuellen Förderungsperiode über 240 Millionen Euro aus EU- und nationalen Mitteln zur Verfügung, die Zusammenarbeit zwischen Tschechien und Bayern könne mit 135 Millionen Euro gefördert werden. Auffällig sei, das für Bayern die Mittel zwar ein weitaus geringeres Gesamtvolumen aufweisen würden, die Summe allerdings bedeutend besser ausgeschöpft werde. So seien vor allem mehr Großprojekte realisiert und bewilligt, als im tschechisch-sächsischen Raum. Dort würde tendenziell nur die Hälfte des zur Verfügung stehenden Geldes ausgeschöpft.
Trotz der Tatsache, dass die nationalen Grenzen im Schengen-Raum keine politischen Barrieren mehr darstellen, bestehen also weiterhin Grenzen unterschiedlichster Art in und zwischen den betrachteten Räumen. Vor allem die Entwicklung einer gemeinsamen Identität wird noch einige Zeit in Anspruch, zu groß erscheinen für Viele nach wie vor die Unterschiede in Mentalität und Kultur. Und doch zeigt die Vielzahl der vorgestellten Projekte und Aktivitäten, dass die Arbeit daran – und sei es nur im Kleinen – voranschreitet.
von Martin Munke
Vortragsübersicht
PD Dr. Christoph Waack, TU Chemnitz:
Grenzregionen und Grenzräume – Laboratorien für ein grenzenloses Europa?
Ilona Scherm, STHI, TU Chemnitz:
Grenzüberschreitende sächsisch-tschechische Hochschulaktivitäten
Dr. Beata M. Czarnecka, Euroregion Neisse – Nisa – Nysa e.V., Zittau:
Über die Realität der sächsisch-polnisch-tschechischen Beziehungen
doc. RNDr. Milan Jeřábek, Jan-Evangelista-Purkyně-Universität Ústí nad Labem:
Böhmisch-sächsische grenzüberschreitende Aktivitäten – subjektive Betrachtung von tschechischen Befragten in der Euroregion Elbe / Labe
doc. PaedDr. Jaroslav Dokoupil, Ph. D., Westböhmische Universität Plzeň:
Der EU-Beitritt (Schengen) von Tschechien – die Wahrnehmung von tschechischen Befragten in der Euroregion Šumava – Bayerischer Wald – Mühlviertel
RNDr. Tomáš Havlíček, Ph. D., Karls-Universität Prag:
Die Wahrnehmung der Bildung von grenzüberschreitender Gemeinschaft nach 20 Jahren der offenen Grenzen in Europa am Beispiel der Euroregion Silva Nortica
RNDr. Jiří Horáček, Ministerium für Regionalentwicklung Prag:
Der tschechische Grenzraum im mitteleuropäischen bzw. EU-Kontext