23.11.2010 - Mittelaltertag in Uni und Mensa
12.11.2010 10:49
Mit dem FSR Phil und der STHI ins Mittelalter reisen
Am Dienstag, dem 23.11.2010, fand an der TU Chemnitz ein Tag rund ums Mittelalter statt. Neben verschiedenen Vorträgen zu sächsisch-böhmischen Themen gab es eine Schauvorführung Fechten, mittelalterliches Essen in der Mensa sowie als krönenden Abschluss des Abends ein Konzert mit "Liederlicher Unfug". Nachstehend finden Sie das Programm und einige Bilder der Veranstaltung sowie darunter einen ausführlichen Bericht unserer studentischen Hilfskraft Martin Munke.
Sachsen und Böhmen im Mittelalter
Einen Unitag der etwas anderen Art konnten die Studenten der TU Chemnitz auf dem „Mittelaltertag“ am 23. November erleben, der vom Fachschaftsrat der Philosophischen Fakultät und der Sächsisch-Tschechischen Hochschulinitiative (STHI) organisiert wurde. Neben zünftigen mittelalterlichen Speisen, einer Vorführung in mittelalterlicher Fechtkunst und Minneklängen der Gruppe „Liederlicher Unfug“ standen vor allem mehrere wissenschaftliche Vorträge zu Fragen der sächsisch-böhmischen Beziehungen im Mittelalter im Zentrum der Veranstaltung.
Die durch den Erzgebirgskamm naturräumlich prädisponierte Grenze zwischen Sachsen und Böhmen gilt gemeinhin als eine der stabilsten ihrer Art in Europa. Über einen langen Zeitraum hinweg bestand jedoch keineswegs eine festgelegte Abgrenzung. Mit dem Vertrag von Eger 1459 kam es zu zahlreichen Neubelehnungen und erblichen Übertragungen, die zumindest im Erzgebirge für eine Vereinheitlichung sorgten und die bis heute gültige Grenze größtenteils festlegten. Andrea Dietrich, Leiterin der Niederlassung des Staatsbetriebs „Staatliche Schlösser, Burgen und Gärten Sachsen“ auf Schloss Weesenstein in Müglitztal und Iveta Krupičkova, Direktorin des Schlosses Děčín/Tetschen, erläuterten die entsprechenden Entwicklungen mit Blick auf ein Ziel 3/Cíl 3-Projekt unter dem Titel „Grenzräume“, das den Vertragsschluss in Form mehrerer Ausstellungen und wissenschaftlicher Tagungen thematisiert.
Tomáš Velímský, Historiker und Spezialist für mittelalterliche Archäologie an der Jan-Evangelista-Purkyně-Universität (UJEP) in Ústí nad Labem/Aussig, untersuchte die mittelalterlichen sächsisch-böhmischen Kontakte anschließend aus stadt- und besiedlungsgeschichtlicher Perspektive. Für das Frühmittelalter sei neben der Elbe besonders der „Kulmer Steig“ über den Nollendorfer Pass als am niedrigsten gelegener Übergang über das Erzgebirge für Heereszüge, Reisen zu Reichstagen und Wirtschaftsbeziehungen genutzt worden. Mit der Intensivierung des Landesausbaus im 12. Jahrhundert wurden auch die Kontakte zahlreicher und neue Wege entstanden. Der damit einhergehende wirtschaftliche Aufschwung sorgte für die Einrichtung zahlreicher Schmelz- und Waldglashütten.
Einen Blick auf die Münzgeschichte des Oberlausitzer Gebiets im 13. Jahrhundert warf Petr Schneider, Diplomand an der UJEP. Schriftliche Quellen würden den Beginn der Prägetätigkeit, der im Zusammenhang mit reichhaltigen Silberfunden sowie verschiedenen Änderungen der lehensrechtlichen Zugehörigkeit steht, zwar nicht belegen. Er lasse sich allerdings anhand zahlreicher stilistischer Besonderheiten wie der Verwendung großer Kopfdarstellungen, breiter Kronen und von Pflanzenattributen nachweisen. Münzen aus Görlitz, Bautzen und Zittau wurden unter anderem auch in Mähren verwendet, bis sie ab Beginn des 14. Jahrhunderts allmählich vom „Prager Groschen“ verdrängt wurden – der Münzverkehr machte vor den Landesgrenzen nicht halt.
Einen biographischen Ansatz wählte anschließend Martin Žemlička, ebenfalls Diplomand an der UJEP, in seiner Schilderung des Lebenswegs Alberts von Seeberg. Albert – erstmals 1277 urkundlich erwähnt, gestorben 1321 – leistete im letzten Drittel des 13. Jahrhunderts einen wichtigen Beitrag zum Landesausbau in der Region um Chomutov/Komotau sowie im Böhmerwald/Šumava. Er war in zahlreiche politische Fehden seiner Zeit verstrickt und auch für viele geistliche Stiftungen verantwortlich. Žemlička würdigte Albert als einen Adligen, der „immer darum bemüht [war], seine Interessen durchzusetzen – aber manchmal war er auch bereit, seinen Rivalen nachzugeben.“
Weitere Vorträge von Gerhard Dohrn-van Rossum, Professor für Geschichte des Mittelalters an der TU Chemnitz und Christoph Fasbender, Inhaber der Professur für deutsche Literatur- und Sprachgeschichte des Mittelalters und der Frühen Neuzeit und Dekan der Philosophischen Fakultät, erweiterten die sächsisch-böhmische Perspektive. Sie waren einem kulturhistorischen Ansatz verpflichtet und befassten sich mit mittelalterlicher Esskultur sowie der Bedeutung literarischer Fragmentenfunde. Insgesamt konnte die gut besuchte Veranstaltung, die auch die Kooperation zwischen der TU Chemnitz und der UJEP Ústí nad Labem im Rahmen der STHI vertiefen sollte, interessante Beiträge zu einer transnationalen Regional- und Beziehungsgeschichte des sächsisch-böhmischen Grenzraums liefern.
Martin Munke
Vortragsübersicht:
Dr. Andrea Dietrich, Staatsbetrieb „Staatliche Schlösser, Burgen und Gärten Sachsen“ / Ing. Iveta Krupicková, Schloss Děčín:
Die Herausbildung der sächsisch-böhmischen Grenze bis zum Vertrag zu Eger 1459
Prof. Dr. Gerhard Dohrn-van Rossum, TU Chemnitz
Kochen, Essen und Trinken im Mittelalter
Doc. PhDr. Tomáš Velímský, CSc., Jan-Evangelista-Purkyně-Universität Ústí nad Labem:
Böhmisch-sächsische Kontakte im Früh- und Hochmittelalter
Bc. Petr Schneider, Diplomand, Jan-Evangelista-Purkyně-Universität Ústí nad Labem:
Die Anfänge der Brakteatenprägung in Böhmen und ihre Beziehungen zu Sachsen
Bc. Martin Zemlicka, Diplomand, Jan-Evangelista-Purkyně-Universität Ústí nad Labem:
Albert von Seeberg und seine Herrschaft auf der böhmischen Seite des Erzgebirges
Prof. Dr. Christoph Fasbender, TU Chemnitz:
Finden & Suchen. Was unbekannte Fragmente mittelalterlicher Literatur alles verändern können
 1-889c6991.jpg)
 2-27923b93.jpg)
 3-891ef41b.jpg)
 4-a97ad50d.jpg)
 5-0623149a.jpg)
 6-72924cee.jpg)
 7-187dfd0e.jpg)
 8-f4443f3a.jpg)
 9-aeed2e5e.jpg)
 10-440cc7ce.jpg)
 11-b219f237.jpg)
 12-de8f23c6.jpg)
 13-2981b321.jpg)
 14-8e5adaa4.jpg)
 15-6c30f84c.jpg)
 16-1b8ac618.jpg)
 17-536467e3.jpg)
 18-7c5807a3.jpg)