05.11.2010 - 14. Politik- und Regionalwissenschaftliches Symposium
05.11.2010 18:34
Veranstaltung an der TU Chemnitz zum Thema "Europäische Nachbarschaftspolitik"
Das 14. Politik- und Regionalwissenschaftliches Symposium fand am Freitag, dem 5.11.2010 im Alten Heizhaus der TU Chemnitz statt. Die Veranstaltung war dem Thema „Europäische Nachbarschaftspolitik“ gewidmet. Während sich vormittags die Vorträge Weißrussland sowie der polnisch-ukrainischen Grenze widmeten, war der Nachmittag zum Einen dem Andenken an Professor Dr. Jurczek gewidmet, zum Anderen wurden durch die STHI geförderte Abschlussarbeiten vorgestellt.
Der Teilnehmer Martin Munke, studentische Hilfskraft der STHI, berichtet Folgendes von der Veranstaltung:
Europäische Nachbarschaften
Bericht zum 14. Politik- und Regionalwissenschaftlichen Symposium, 05.11.2010, Chemnitz
1997 erstmals durchgeführt, hat sich das interdisziplinäre Politik- und Regionalwissenschaftliche Symposium (PRS) mittlerweile zu einer festen Größe im Veranstaltungskalender der Technischen Universität (TU) Chemnitz entwickelt. Der Fokus auf die Entwicklung vor allem der ostmitteleuropäischen Staaten im Rahmen der europäischen Integration lockt immer wieder prominente Gäste zu der von den Professuren für Internationale Politik und für Sozial- und Wirtschaftsgeographie in Zusammenarbeit mit der Sächsisch-Tschechischen Hochschulinitiative (STHI) veranstalteten Tagung. In diesem Jahr stand die insgesamt 14. Auflage unter der thematischen Überschrift „Europäische Nachbarschaften“.
Klaus-Jürgen Matthes, Rektor der TU Chemnitz, stellte in seiner Begrüßung die Bedeutung des „Europäischen Gedanken“ für das wissenschaftliche Profil der Universität heraus. Besonders betont werde dieser im Europabezug der Studiengänge Politikwissenschaft, Europäische Geschichte und Europastudien. Diese Verhaftung des „Europäischen“ in Forschung und Lehre sowie in regelmäßig stattfindenden Veranstaltungen wie dem PRS leiste einen wichtigen Beitrag zur Intensivierung des wissenschaftlichen, sozialen und kulturellen Austausches mit den europäischen Nachbarländern vor allem in Ostmitteleuropa.
Der Titel des diesjährigen Symposiums sei bewusst doppeldeutig gewählt worden, verdeutlichte Beate Neuss, Inhaberin der Professur für Internationale Politik, anschließend in ihrer Einführung. Sowohl Nachbarschaften der Europäischen Union (EU) mit angrenzenden Staaten, als auch Partnerschaften innerhalb der EU könnten im Mittelpunkt der Betrachtung stehen. Der erste dieser beiden Aspekte solle im ersten Teil des Symposiums behandelt werden und die politischen, wirtschaftlichen sowie sozialen Entwicklungen im als „letzte Diktatur Europas“ geltenden Weißrussland und die Beziehungen von Minsk zur EU thematisieren. Der zweite Aspekt werde anschließend mit einem Fokus auf deutsch-tschechische Projekte und Themen aufgegriffen.
Für den ersten inhaltlichen Vortrag war mit Aljaksandr Milinkewitsch, Führer der demokratischen Opposition in Weißrussland, ein hochrangiger Politiker des Landes gewonnen worden. Milinkewitsch veranschaulichte in seinen Ausführungen die komplizierte Situation seines Landes anhand einer Vielzahl von historischen, politischen und gesellschaftlichen Aspekten, widersprach aber auch einer allzu leichtfertigen Einordnung Weißrusslands als Diktatur. Dennoch forderte er in seinem Schlussplädoyer eine klare Hinwendung Weißrusslands zur EU und machte seine Hoffnung auf eine voranschreitende Demokratisierung unter dieser Voraussetzung deutlich.
Stephan Malerius, Leiter des Weißrusslandbüros der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) in Vilnius, beleuchtete die Situation in Weißrussland vor den Wahlen am 19. Dezember 2010. Sollten diese relativ offen und liberal ablaufen, sei durchaus eine schrittweise Annäherung zwischen Weißrussland und der EU möglich. Wahrscheinlicher sei jedoch, dass die zu erwartenden Wahlfälschungen die Diskussionen um weitere Sanktionen seitens der EU neu entfachen würden. Eine neuerliche Annäherung Lukaschenkos an Russland trotz der politischen Auseinandersetzungen der jüngeren Vergangenheit wäre daher nicht unwahrscheinlich.
Die Ergebnisse einer im Rahmen des Forschungsprojekts „Geographie(n) an den Rändern des europäischen Raumes“ entstanden Untersuchung wurden anschließend von Judith Miggelbrink und Bettina Bruns vom Leibnitz-Institut für Länderkunde in Leipzig vorgestellt. Ihre Analyse prekärer unternehmerischer Beziehungen an der EU-Außengrenze zwischen Polen und Weißrussland hätte gezeigt, dass die befragten Personen an der Außengrenze des Schengenraums die verschiedenen Bestimmungen, Richtlinien und Maßnahmen oft als Willkür oder gar kriminelle Diskriminierung auf Grund ihrer jeweiligen Staatsangehörigkeit empfinden würden. Deshalb sei die Gefahr einer zunehmenden Exklusion von Europa und „europäischen Erfahrungen“ zu konstatieren.
Der zweite Teil des Symposiums wurde von Jaroslav Dokoupil (Westbömische Universität Plzeň) eingeleitet. Er beleuchtete die sächsisch-tschechische Hochschulkooperation und würdigte den unermüdlichen Beitrag, den der kürzlich verstorbene Peter Jurczek zur Intensivierung dieser Beziehungen zu seinen Lebzeiten geleistet hatte. Dazu gehörten die Durchführung der „Chemnitz-Pilsener Kolloquien zur Sozial- und Wirtschaftsgeographie“ und des PRS sowie die Einrichtung des Sächsisch-Tschechischen Hochschulzentrums und des Sächsisch-Tschechischen Hochschulkollegs, die letztlich in der STHI mündeten. Zudem hätte sich Jurczek durch die Organisation von Fachtagungen, zahlreiche Publikationen und vor allem die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses um einen Ausbau der grenzübergreifenden sächsisch-tschechischen Kontakte verdient gemacht.
Den inhaltlichen Abschluss der Veranstaltung bildete die Vorstellung fünf studentischer Qualifikationsarbeiten mit Fokus auf sächsisch-tschechische Themenkomplexe, die von der STHI finanziell unterstützt worden waren. Daniel Franzkowski untersuchte in einer empirischen Studie das Schicksal der Nachfahren böhmischer Religionsflüchtlinge nach 1945. Maria Vogt widmet sich in ihrer Studie den gegenseitigen Fremdbildern von Deutschen und Tschechen nach 1989. Die grenzüberschreitende Projektarbeit im Rahmen der Euregio Egrensis wurde von Sebastian Bauer beleuchtet. Und mit Aspekten des Fremdsprachenunterrichts beschäftigten sich Teresa Weingartová und Janine Schumann am Beispiel einer Chemnitzer Ganztagsschule bzw. der Schkola Oberland im lausitzischen Eberbach.
In seinem Schlusswort dankte Christoph Waack, Vertretungsprofessor für Sozial- und Wirtschaftsgeographie an der TU Chemnitz, allen Referenten und Gästen für die interessanten und konstruktiven Vorträge und Diskussionen. Er betonte, dass die von STHI und KAS mitfinanzierte Veranstaltung vor allem eines habe deutlich werden lassen: „Europa ist mehr als die Europäische Union“.
von Matthias Canzler, Georg Hermann und Martin Munke
Vortragsübersicht
Begrüßung (Prof. Dr. Klaus-Jürgen Matthes, Rektor der TU Chemnitz)
Einführung (Prof. Dr. Beate Neuss, Professur für Internationale Politik, TU Chemnitz)
Weißrussland und die Europäische Union (Dr. Aljaksandr Milinkewitsch, Führer der demokratischen Opposition in Weißrussland)
Weißrussland vor den Wahlen (Stephan Malerius, Leiter des Weißrusslandbüros der Konrad-Adenauer-Stiftung, Vilnius)
Europäische Nachbarschaft konkret I: Prekäre unternehmerische Beziehungen an der EU-Außengrenze zwischen Polen und Weißrußland (Dr. Judith Miggelbrink, Dr. Bettina Bruns, Leibniz-Institut für Länderkunde, Leipzig)
Europäische Nachbarschaft konkret II: Die deutsch-tschechische Hochschulkooperation. Prof. Dr. Peter Jurczek zum Gedenken (Doc. PaedDr. Jaroslav Dokoupil, Westböhmische Universität Plzeň)
Emigration und Verbleiben. Empirische Untersuchung über die verschiedenen Entwicklungen der ehemaligen Mitglieder der böhmisch-reformierten Kirchengemeinde Hussinetz nach dem Zweiten Weltkrieg (Daniel Franzkowski, B.A., Palacký-Universität Olomouc)
Zu spezifischen Aspekten des Sprachunterrichts des Chemnitzer Schulmodells (stud. päd. Teresa Weingartová, Jan Evangelista Purkyně-Universität Ústí nad Labem)
Neue Wege des frühen Fremdsprachenlernens in den Grenzregionen Europas. Exemplarische Betrachtung des Tschechischunterrichts an der Schkola Oberland (Janine Schumann, M.A., Absolventin der TU Chemnitz)
Deutsche und Tschechen in gegenseitigen Fremdbildern vor und nach 1989 (stud. phil. Maria Vogt, TU Chemnitz)
Gelebte Nachbarschaft zwischen Sachsen und Böhmen. Grenzüberschreitende Projektarbeit in der EUREGIO EGRENSIS (Sebastian Bauer, B.A., Absolvent der TU Chemnitz)
Schlusswort und Verabschiedung (PD Dr. Christoph Waack, Professur für Sozial- und Wirtschaftsgeographie, TU Chemnitz)
Bilder der Veranstaltung finden Sie hier.
Einen Zeitungsartikel der sich insbesondere mit dem Vortrag des BA-Absolventen Daniel Franzkowski beschäftigt, können Sie hier lesen.